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Metallica: S&M2 (Live) (Review)

Artist:

Metallica

Metallica: S&M2 (Live)
Album:

S&M2 (Live)

Medium: CD/DVD/LP/CD+DVD/Download/Blu-ray/CD+Blu-ray/CD-Box/LP-Box/Deluxe
Stil:

Metal meets Klassik

Label: Blackened/Universal
Spieldauer: 146:38
Erschienen: 28.08.2020
Website: [Link]

20 Jahre später, Eröffnung einer neuen Multifunktionsarena in der Heimatstadt, eine Lücke im Tourkalender: Eine günstige Konstellation für die Zweitauflage des METALLICA meets Klassik-Projekts. Die Vorfreude hielt sich freilich in Grenzen, blieb der Erstversuch doch weitestgehend ein ebensolcher. „S&M²“ kränkelt zwar an denselben Schwachpunkten wie der Vorgänger, kann aber durch mehr Mut und echte Zusammenarbeit deutlich höher punkten. Mit den Erfahrungen aus 2020 kann sich das Projekt aber weiterhin nicht der Frage entziehen, ob das alles wirklich nötig war.

Im September 2019 sah alles noch rosig aus: San Francisco bekommt mit dem Chase Center eine neue Veranstaltungshalle im Auftragswert von circa einer halben Milliarde US-Dollar, mit dem sich das Basketball-Franchise der Golden State Warriors selbst eine Rückkehr in die Bay Area ermöglicht hat. Für die Eröffnung wird man sich fraglos schon seit Längerem die Dienste von METALLICA als die bekannten Söhne der Stadt gesichert haben, die „S&M²“-Idee als besonderes Schmankerl dürfte angesichts der günstigen zeitlichen Rahmenbedingungen ebenfalls nicht ferngelegen haben.

Dass die beiden Shows von METALLICA und SAN FRANCISCO SYMPHONY im September 2019 aber das vorerst letzte Highlight für alle Beteiligten werden sollten, wäre in anderen Jahren sicher mit Pech zusammengebracht worden. Mit dem Erfahrungsfilter aus 2020 schiebt sich nun aber ein anderes Deutungsmuster in den Vordergrund: „S&M²“ könnte eines der prominenten Beispiele dafür werden, was wir so alles als selbstverständlich angenommen haben. Die Warriors haben sich durch das auf Kurzfristigkeit angelegte Erfolgsdenken im US-Sport in der (irgendwie am Leben erhaltenen) laufenden Saison vom amtierenden Meister zum Letztplatzierten herabgeschwungen, in der 500 Millionen-Arena wurde wenig Goldenes auf den Platz gebracht. Auf Seiten von METALLICA begab sich wiederum James Hetfield überraschend in den abermaligen Alkohol-Entzug, den er selbst mit dem Tourleben und seiner Eigenlogik in Verbindung bringt. Durch das „S&M²“-Großproekt musste er sich demzufolge noch durchquälen. Und Anfang 2020 kam dann, nunja…

„S&M²“ wirkt daher, etwa ein Jahr nach seiner Aufnahme, wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Ein Konzert vor circa 20.000 Menschen und mehreren Dutzend Musikern auf der Bühne ist gerade unvorstellbar – und zwar weltweit! Gemeinsam mit einem Symphonie-Orchester zu spielen, das hatte in der Anfangszeit noch den Anspruch, die Hochkultur der Klassik mit der Massenwirkung des Pops beziehungsweise dem Nischendasein des Rocks und Metals, wenn nicht zu versöhnen, so zumindest einander näher zu bringen. Irgendwann aber kippte die Besonderheit des Aufeinandertreffens in eine Beliebigkeit, zu der leider auch METALLICA beitrugen.

1999 war man zu Gast beim SAN FRANCISCO SYMPHONY ORCHESTRA im Berkeley Community Theatre – oder besser gesagt: METALLICA hatten sich offensichtlich selbst eingeladen. Bis auf wenige Ausnahmen wurde das Ganze eher zu einem Nebeneinanderspielen als zu einem Miteinanderwirken, obwohl es damals gleich zwei neu komponierte Songs zu hören gab. METALLICA spielten ihren Stiefel runter, das Orchester garnierte mit ein wenig Beiwerk, ohne dass die Songs an Tiefe und Epik hinzugewannen.

20 Jahre später hat sich zum Glück ein wenig was gewandelt. Nimmt man die Fortsetzung als Anlass für einen Rückblick, waren die vergangenen zwei Jahrzehnte eine bewegte Zeit für METALLICA: Der Rausschmiss von Jason Newstead, das Drama um St. Anger inklusive dem ersten Entzug von Hetfield, der Einstieg von Rob Trujillo, drei weitere Alben (wenn man „Lulu“ mitzählt)… „S&M²“ zeugt als ein Beispiel dafür, dass die Band durch diese Erfahrungen gewachsen und entspannter geworden ist.

Alles beginnt, wie es auch damals begonnen hatte: „Ecstasy Of Gold“ strahlt naturgemäß in der Live-Orchester-Darbietung und „The Call Of Ktulu“ ist weiterhin eines der großen Highlights der S&M-Experiments. Die Epik des Stücks ist dankbar für eine Orchester-Version, doch das Arrangement ist auf den Punkt komponiert und findet in den wenigen Lücken die richtigen Töne. Gelernt haben METALLICA auch, dass sie das Orchester auch mal in die Songs einarbeiten können. In „For Whom The Bell Tolls“ spielen die Bläser beispielsweise die ikonische Bassline und geben Bekanntem eine anregende Note.

Dieser Mut wäre an vielen anderen Stellen wünschenswert gewesen. „Moth Into The Flame“, „Halo On Fire“ und „Wherever I May Roam“ sind - über das Album verteilt - prominente Beispiele für den Rückfall in alte Muster: Die Orchester-Musiker dürfen hier und da ein paar Schleifen einbauen und dramatisch die Streicher bedienen, doch es kommt nicht von ungefähr, dass der klassische Anteil in diesen Songs eher in den Hintergrund gemischt wurde.

Der Großteil des damals aktuellen „Load“/“Reload“-Materials wird durch die Songs des neuen Jahrtausends ersetzt, von denen erwartungsgemäß die Balladen besonders gut funktionieren. „The Day That Never Comes“ kommt durch die Erweiterung der Klangpalette etwas von seinem Ruf als „One II“ weg und das eigentlich verzichtbare „Unforgiven III“ wird im kompletten Klassik-Remake-Gewand (inklusive adaptiertem Gitarrensolo!) zu einer weiteren, willkommenen Überraschung im Set. Wie gut die Bearbeitung den Katalog der Band entstaubt, wird ein weiteres Mal an „Outlaw Torn“ deutlich, das trotz seiner Beschaffenheit als vergleichsweise sperriger 10-Minüter auf der Setlist geblieben ist – und das völlig zurecht! Der selten gehörte Klotz bekommt eine Tiefe verliehen, die den einen oder anderen Fan dazu bewegen wird, sich doch noch mal mit dem experimentellen 1990er-Material zu befassen.

Weiteres Indiz dafür, dass METALLICA gewachsen sind, ist der Beginn des zweiten Akts, bei dem sich die Band auf den Vorschlag von Komponist Michael Kamen einließ, zwei klassische Stücke in den Abend einzuweben. Das Prokofiev-Stück „Scythian Suite, Op.20, Second Movement“ spielt das Orchester allein, bei Alexander Mosolovs „Iron Foundry“ stimmen dann auch METALLICA (wenn auch äußerst marginal) instrumentell mit ein. Durch die Erklärung von Michael Kamen, dass sich Metal und Klassik gar nicht so unähnlich sein, wirkt der kurze Exkurs leider ein wenig wie ein Einschub aus dem Musikunterricht. Warum dies trotz des jahrzehntelangen Siegeszuges des Symphonic Metal aber trotzdem nötig sein könnte, hängt mit der verzwickten Lage METALLICAs zusammen.

Einerseits scheinen auch ihnen die selten gespielten Perlen besonders viel Laune zu bereiten, wie auch die folgenden Highlights beweisen. „All Within My Hands“ als einziges Stück von „St.Anger“ ist den Fans in seiner Akustik-Version bereits bekannt, durch das Gänsehaut-Streicher-Intro und weitere Verwebungen mit Klassik-Elementen wurde es nicht zu Unrecht als erstes Beispiel vorab präsentiert. Den Vogel des Abends schießt allerdings eine Cliff-Burton-Hommage der besonderen Art ab: Bassist Scott Pingle gibt „Anesthesia (Pulling Teeth)“ zum Besten und erklärt in MILES MOSLEY-Manier den Cello-Metallern APOCALYPTICA mal kurz ihr Handwerk. Als Solo-Nummer rocken die verzehrten Bass-Töne die Halle und holen selbst die Teilzeitfans von den Hockern. Musikkunde funktioniert also auch offensichtlich so.

Doch dann geben METALLICA den Erwartungen an die populärste Metal-Band der Welt nach und holen einige Standards raus, die nur sich in Nuancen (z.B. das Intro zu „One“) von den 20 Jahre alten Arrangements unterscheiden. Weder „One“ oder „Nothing Else Matters“ als (Halb-)Balladen noch „Master Of Puppets“ (mit potenziell interessantem Mittelpart) oder „Enter Sandman“ als die wahlweise bekanntesten Rockhymnen der Band bekommen in ihrer Rolle als Crowd Pleaser eine überraschende Wendung verliehen.

So als ob sie den Anwesenden schon zu viel zugemutet hätten, endet das Experiment „S&M²“ mit verschenktem Potenzial. Die ketzerische Frage, was denn statt der einen oder anderen verzichtbaren Nummer auf die Setlist gehört hätte, hilft nicht wirklich weiter (ok, mindestens „Orion“, „Fade To Black“, „Fight Fire With Fire“, „Welcome Home (Sanitarium)“…). Eher wäre damit etwas gewonnen gewesen, hätte man das Ganze als Hardcore-Fan-Aktion aufgezogen und ein paar weitere Perlen aus dem Repertoire rausgeholt respektive auch die Standards zumindest in Teilen neu arrangiert. Aber das schließt sich wiederum mit den Rahmenbedingungen eines solchen Events aus.

Zur Einweihung eines luxuriösen Entertainment-Tempels müssen METALLICA ebenjene Kompromisse eingehen, um niemandem vor den Kopf zu stoßen und den feierlichen Rahmen zu setzen. Aber vielleicht wird in den aktuellen Zeiten auch klarer, dass nicht jede günstige Konstellation auch wirklich eine solche ist. James Hetfield hatte seine liebe Mühe, den Jubiläumstermin zu halten, der Zauber der neuen Arena ist bereits ein gutes Stück verpufft, ebenso die Feier der Zukunft durch eine enorme Investitionssumme. Vielleicht denken METALLICA nach der Krise darüber nach, ob sie nicht häufiger dem gerecht werden wollen, was Lars gleich zwei Mal unterstreicht: Die globale METALLICA-Familie zusammenbringen. Dann gerne häufiger in kleineren Konzertsituationen.

FAZIT: METALLICA spielen auf „S&M²“ häufiger auf Augenhöhe mit dem SAN FRANCISCO SYMPHONY, was die Fortsetzung des Metal meets Klassik-Experiments deutlich anregender hat werden lassen als den halbgaren Vorgänger. Zwar hat man die Hälfte des Sets fast unverändert übernommen, worin auch die große Schwäche der Neuauflage liegt, aber vor allem die selten gehörten Songs und epischen Instrumentalstücke bekommen durch die Orchester-Bearbeitung eine neue Tiefe verliehen. METALLICA lassen sich auf die Ideen des Chefkomponisten Michael Kamen ein, wodurch zwar kein vollkommenes, aber ein verstärktes Miteinanderwirken entsteht. Dennoch bleibt zu vermuten, dass mit noch mehr Mut und in einem kleineren Rahmen sehr viel mehr drin gewesen wäre. Die Kompromisse und Selbstverständlichkeiten werden nach der Konzertzwangspause sicherlich noch einmal auf den Tisch kommen und „S&M²“ noch mehr wie ein Relikt aus einer anderen Zeit wirken lassen.

Norman R. (Info) (Review 1117x gelesen, veröffentlicht am )

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  • 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
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Tracklist:
  • The Ecstasy of Gold
  • The Call of Ktulu
  • For Whom the Bell Tolls
  • The Day That Never Comes
  • The Memory Remains
  • Confusion
  • Moth Into Flame
  • he Outlaw Torn
  • No Leaf Clover
  • Halo on Fire
  • Intro to Scythian Suite
  • Scythian Suite, Opus 20 II: The Enemy God And The Dance Of The Dark Spirits
  • Intro to The Iron Foundry
  • The Iron Foundry, Opus 19
  • The Unforgiven III
  • All Within My Hands
  • (Anesthesia) - Pulling Teeth
  • Wherever I May Roam
  • One
  • Master of Puppets
  • Nothing Else Matters
  • Enter Sandman

Besetzung:

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  • keine Interviews
Kommentare
Chrischmaster
gepostet am: 25.08.2020

Nett geschrieben und zum Teil meiner Meinung ("Enter Sandman" oder "One" hätten es nicht wieder sein müssen). Alles in allem klingt "S&M2" aber deutlich reifer und homogener als das erste Experiment, gerade in den neueren Nummern.

Dass Michael Kamen nicht nur das Orchester dirigiert, sondern auch noch zum Publikum gesprochen hat, halte ich allerdings für ein Gerücht. Der ehrwürdige Komponist kann seit 17 Jahren weder das eine noch das andere...
Chrischmaster
gepostet am: 25.08.2020

Nett geschrieben und zum Teil meiner Meinung ("Enter Sandman" oder "One" hätten es nicht wieder sein müssen). Alles in allem klingt "S&M2" aber deutlich reifer und homogener als das erste Experiment, gerade in den neueren Nummern.

Dass Michael Kamen nicht nur das Orchester dirigiert, sondern auch noch zum Publikum gesprochen hat, halte ich allerdings für ein Gerücht. Der ehrwürdige Komponist kann seit 17 Jahren weder das eine noch das andere...
Chrischmaster
gepostet am: 25.08.2020

Nett geschrieben und zum Teil meiner Meinung ("Enter Sandman" oder "One" hätten es nicht wieder sein müssen). Alles in allem klingt "S&M2" aber deutlich reifer und homogener als das erste Experiment, gerade in den neueren Nummern.

Dass Michael Kamen nicht nur das Orchester dirigiert, sondern auch noch zum Publikum gesprochen hat, halte ich allerdings für ein Gerücht. Der ehrwürdige Komponist kann seit 17 Jahren weder das eine noch das andere...
Chrischmaster
gepostet am: 25.08.2020

Nett geschrieben und zum Teil meiner Meinung ("Enter Sandman" oder "One" hätten es nicht wieder sein müssen). Alles in allem klingt "S&M2" aber deutlich reifer und homogener als das erste Experiment, gerade in den neueren Nummern.

Dass Michael Kamen nicht nur das Orchester dirigiert, sondern auch noch zum Publikum gesprochen hat, halte ich allerdings für ein Gerücht. Der ehrwürdige Komponist kann seit 17 Jahren weder das eine noch das andere...
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