Musikreviews.de bei Facebook Musikreviews.de bei Twitter

Partner

Statistiken

The Other und die Erben des Untergangs: The Other und die Erben des Untergangs (Review)

Artist:

The Other und die Erben des Untergangs

The Other und die Erben des Untergangs: The Other und die Erben des Untergangs
Album:

The Other und die Erben des Untergangs

Medium: CD/Kassette
Stil:

Horror-Hörspiel

Label: Wicked Vision
Spieldauer: 58:20
Erschienen: 31.10.2020
Website: [Link]

Wie Steven Spielberg schon wusste: Wenn du das Monster nur beschreibst, anstatt es zu zeigen, macht das seine Erscheinung nur noch furchteinflößender. Beste Voraussetzungen also, um Lovecraft'sche Tentakel-Götter auf Hörspiel zu bannen! In „The Other und die Erben des Untergangs“ schickt Horror-Autor Thomas Williams (nein, nicht der amerikanische Autor, sondern der deutsche Schreiberling aus dem bekanntlich in Wirklichkeit nicht existierenden Bielefeld) die Horror-Punker von THE OTHER als Undercover-Agenten in ein nebelverhangenes Abenteuer am Kölner Stadtrand und fordert sie auf, eine kultische Verschwörung um die Gottheit Esiarp und ihre finstere Gefolgschaft aufzudecken...

Williams ist nach eigener Aussage hauptsächlich beeinflusst von den kruden, schrillen Gestalten der phantastischen Literatur, wie Bizarro-Fiction-König Carlton Mellick III oder der Exploitation zugewandten Autoren wie Richard Laymon. Das passt nicht nur zu den Rheinland-Punkern, sondern auch zu den Herausgebern von Wicked-Vision. Ursprünglich gestartet als Magazin für den phantastischen Film, hat es sich nämlich inzwischen als Filmlabel mit einem primären Fokus auf B-Horror der 60er, 70er und 80er Jahre etabliert und in Sammlerkreisen aufgrund der stets mit hohem Aufwand umgesetzten Blu-ray-Editionen einen exzellenten Ruf erarbeitet. Ein gewisser Hang zum Akustischen war dabei immer schon zu erkennen, und das nicht nur wegen der manchmal schwierigen Bearbeitung der Tonspuren zu den Filmen. So wurden in der Vergangenheit nicht nur diverse Editionen mit dem Film-Soundtrack auf einer Bonus-CD veröffentlicht, die Lovecraft-Adaption „The Dunwich Horror“ kam sogar im Paket mit einer Hörbuch-Lesung der Buchvorlage auf zwei CDs, gesprochen von Sascha Rotermund, der deutschen Stimme etwa von Jon Hamm („Mad Men“) oder Benedict Cumberbatch („Doctor Strange“).

„The Other und die Erben des Untergangs“ ist nun die erste reine Hörspiel-Produktion aus dem Hause Wicked Vision und kann neben den Punk-Detektiven in der Hauptrolle noch auf eine illustre Reihe an Gästen zurückgreifen. Da tummeln sich beispielsweise Kriminalbiologe und Politiker Dr. Mark Benecke, Pornodarsteller Conny Dachs, Schriftsteller Wolfgang Hohlbein, Synchronsprecher Peter Flechtner (aha, ein Profi!) und diverse Musiker-Kollegen, darunter Joachim Witt, Michael Rhein von IN EXTREMO, AnNa R. Von ROSENSTOLZ, Mille Petrozza von KREATOR und Flo Schwarz von PYOGENESIS.

Kölle am Rhing soll also als Keimzelle dienen für das Aufbäumen dunkler Mächte mit Weltversklavungsfantasien... das klingt genau nach der depperten Schnapsidee, als das sich das Abenteuer mit reichlich Augenzwinkern schließlich auch entpuppt. Wer mal „KORNs echt abgefahrene Geisterstory“ aus der dritten Staffel der Animationsserie „South Park“ gesehen hat, weiß in etwa, was auf ihn zukommt. Gestandene Punkrocker, die sich als magische Super-Detektive mit einem riesigen Tentakelmonster anlegen, um sich für ihren nächsten Gig aufzuwärmen? Ein absolutes Cringefest, gleichwohl vielleicht auch nicht viel alberner als die schwarzweiße Kriegsbemalung unzähliger Black-Metal-Krieger oder die Dicke-Eier-Pose auf dem üblichen Hardrock-Bandfoto.
Dass „die Bandmitglieder“, wie der Off-Kommentator sie mit vor Aufregung zitternder Stimme stets zu nennen pflegt, an ihren Instrumenten sicherlich Könner sind, jedoch offensichtlich keine Schauspielausbildung genossen haben, erhöht den Fun-Faktor in ungeahnte Ebenen. Da wird gegrunzt, geröhrt, auf cool gespielt, da wird die Stimme bis hinein ins Comichafte verzerrt, um den eigenen Antihelden-Avatar zum Leben zu erwecken. Immerhin, den Spaß am Ausprobieren hört man ihnen an und hat man sich erst einmal reingegroovt, wirkt das Gebrabbel sogar ansteckend. Einen besonders positiven Eindruck hinterlässt vor allem Conny Dachs in der Rolle des leicht trotteligen Kommissars, der THE OTHER mindestens so elegant zur Hilfe ruft wie einst Detective Gordon den „Batman“ in der gleichnamigen 60er-Jahre-Serie. Weil seine Stimmfärbung ein wenig derjenigen von Bastian Pastewka gleicht, spürt man außerdem immer leichte „Der Wixxer“-Vibes, wenn er den Mund aufmacht.

Die Story ist im Grunde eine nicht enden wollende Kette aus Tatort-Begutachtungen bzw. Fährtenlesungen, Konfrontationen mit den Bösewichten und laut orchestrierten Höhepunkten des Gemetzels, in der dem Autoren die Gäule durchgehen. Wenn der Erzähler mit zusammenlaufendem Wasser im Mund davon spricht, dass ein ganzer Bus mit Geiseln „zu einem großen Klumpen aus Metall und Fleisch zusammengepresst“ wird oder Fleischstücke aus Körpern gerissen werden, kommt eine pubertäre Begeisterung für Splatter und Gore zum Ausdruck, die den kindgerechten Erzählstil gleichermaßen konterkariert wie sie ihn komplettiert.

Die Produktion genügt dabei höchsten Ansprüchen und ermöglicht ein absolut störfreies Kopfkino (auch wenn aufgrund der Voice Performances darin weniger ein stimmungsvoller Fantasy-Horrorfilm entsteht als vielmehr eine spaßige Parodie auf einen solchen). Die Stimmen sind glasklar abgemischt und im Hintergrund entsteht durch das fantasievolle Foley Design eine bunte Kulisse. Die reicht von einfachen Fußschritten auf kieseligem Erdreich über grölende Menschenmassen in einem Club bis zu alienesken Spezialeffekten, wenn sich schleimige Gewinde unter blau zuckenden Blitzen in die Lüfte erheben. Das Ziel, den Grusel-Hörspielen der Marke John Sinclair oder H.G. Francis aus der Blütezeit der 80er gerecht zu werden, wird auf dieser Ebene durchaus erreicht.

Die Musik von THE OTHER hält sich dabei über weite Strecken vornehm zurück, um das Hauptaugenmerk auf die Story zu richten. Zwischendurch gibt es kurze Interludien, in denen Ben, Pat und Aaron zu Dr. Caligaris Prügeln mal kurz in die Saiten hauen können. Richtig gerockt werden darf aber logischerweise erst, nachdem das Böse besiegt ist. Also gibt es nach knapp 50 Minuten zunächst die mit reichlich 80s-Synthie-Power aufgeblasenen End Credits... und dann doch noch eine komplette Nummer: „We're All Dead“ vom Album „Haunted“, das in diesem Sommer erschienen ist. Abgeschlossen wird charmant mit einer Reihe von Patzern und Outtakes.

Veröffentlicht wird das Hörspiel übrigens als CD im matten Ecolbook mit 20-seitigem Booklet (limitiert auf 2000 Stück). Hardcore-Fans können sich auch eine auf 150 Stück limitierte Musikkassette sichern, die mit einem Autogramm der Band und einem Bleistift geliefert wird.

FAZIT: Wer bei Hörspielen generell einen nostalgischen Draht zu den goldenen 80ern pflegt und mal wieder gut lachen möchte, dem sei „The Other und die Erben des Untergangs“ jedenfalls empfohlen. Es handelt sich keineswegs um ein professionell eingesprochenes Hörspiel, Gott bewahre; einige Sprecher nehmen es mit der Theatralik der übelsten Stummfilm-Schurken aller Zeiten auf und transferieren sie in das Zeitalter des Tons. Einen der unbeholfensten „Evil Laughters“, der jemals auf Ton gebannt wurde, bekommt man noch gratis oben drauf. Dazu stapft die zugrundeliegende Geschichte in so ziemlich jedes Gothic-Horror-Klischee, das sie finden kann. Wer all das aber in den Fun-Faktor mit einkalkuliert, der wird wohl ordentlich bedient, zumal sich die Produktion keine Blöße gibt und Erinnerungen an die gute alte Zeit aufleben lässt.

Sascha Ganser (Info) (Review 606x gelesen, veröffentlicht am )

Unser Wertungssystem:
  • 1-3 Punkte: Grottenschlecht - Finger weg
  • 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
  • 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
  • 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
  • 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
[Schliessen]
Kommentar schreiben
Tracklist:
  • Hörspiel-Szenen

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
  • keine Interviews
(-1 bedeutet, ich gebe keine Wertung ab)
Benachrichtige mich per Mail bei weiteren Kommentaren zu diesem Album.
Deine Mailadresse
(optional)

Hinweis: Diese Adresse wird nur für Benachrichtigungen bei neuen Kommentaren zu diesem Album benutzt. Sie wird nicht an Dritte weitergegeben und nicht veröffentlicht. Dieser Service ist jederzeit abbestellbar.

Captcha-Frage Welches Tier gibt Milch?

Grob persönlich beleidigende Kommentare werden gelöscht!