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Interview mit GEGENENTWURF (25.01.2026)

GEGENENTWURF

Zwanghafte Widerborstigkeit ist nicht der Ansatz des Projekts GEGENENTWURF, das sich mit seinem jüngsten Mini-Album "Høstens fargeglede" wahrlich progressiv präsentiert. Stefan Johannes hat es im Alleingang eingespielt und reflektiert im über einige Wochen im Herbst 2025 per Email geführten Interview seine mitunter eigenwillige Herangehensweise.

Hallo Stefan, der Herbst hält dieser Tage Einzug und mit dem neuen Mini-Album von GEGENENTWURF "feierst" Du diese farbenreiche und wechselhafte Jahreszeit auf musikalische Weise, ohne in Black-Metal-Finsternis zu versinken. Ich habe den Eindruck, dass der ewige Wandel in den Jahreszeiten ohnehin einen starken Einfluss auf Deine Musik ausübt. Inwiefern ist "Høstens Fargeglede" also irgendwie typisch für Dein Schaffen und was ist das für Dich Besondere an diesen Aufnahmen?

Hallo Thor, Naturerlebnisse sind für mich sehr wertvolle Erfahrungen, die schon oft in meine Musik Einzug gehalten haben. Einerseits als eigenständige Themen, andererseits auch oft in Form einer Bildersprache, um andere Bereiche besser beschreiben zu können.
Typisch an "Høstens fargeglede" für mein Schaffen ist ein chronologisches Vorgehen, bei dem ich jedes Lied ziemlich vollständig abschließe und fertig aufnehme, bevor ich mit dem nächsten beginne. Ich versuche, den Aufnahmeprozess so nah wie möglich am Moment der Idee zu halten, um wirklich den kreativen Prozess festzuhalten und den Fluss nicht zu unterbrechen. Für mich leben die Aufnahmen oft von Feinheiten, die im Moment aus dem Gefühl entstehen und verloren gehen, wenn man die Instrumente zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufnimmt.
Besonders an diesem Album ist, dass ich als Allererstes einen visuellen Entwurf des gesamten Albums auf eine Zeitachse skizziert habe, mit der Anzahl der Lieder, der jeweiligen Dauer, den jeweiligen Schwerpunkten und Geschwindigkeiten. So etwas wie einen Spannungsbogen als Orientierung für das entstehende Gesamtwerk. Hübsch sieht diese Zeichnung nicht aus. Außerdem empfinde ich das Zusammenspiel sehr unterschiedlicher Klangwelten auf diesem Album als besonders gelungen.

Die Zeitachse und der Spannungsbogen überraschen mich, denn ich hatte beim Hören wiederholt den Eindruck, dass einige Arrangements nahezu "jazzig" wirken, also jedenfalls frei von "schwermetallischer Zwanghaftigkeit". Und auch bei den Klangwelten scheinst Du keine Probleme zu haben, Dich vom Metal-Typischen zu entfernen…

Besagte Skizze entstand in zwei oder drei Minuten und ist eher so etwas wie ein festgehaltener Gedankenblitz, wie eine Vision und hat für mich an sich schon etwas von einer Improvisation, nur halt in etwas überhöhter Geschwindigkeit. Sie ist weder absolut konkret, noch habe ich mich vollständig an sie gehalten.
Im eigentlichen Kompositions- / Aufnahmeprozess lag mein Fokus dann ja mehr auf den einzelnen Liedern und den Details. Aber auch da sind einige Parts und Melodien als spontane Improvisation entstanden, zum Beispiel die Melodie-Gitarre von "Vakre farger", was eine recht aufwändige Analyse nach sich zieht, um herauszufinden, was ich da wieder Seltsames gespielt habe, es zu üben und dann ordentlich aufzunehmen.

Vielleicht trägt das auch zur Lebendigkeit und zum mitunter rauen Charakter der Aufnahmen bei? Zudem arbeitest Du mit starken Kontrasten und Brüchen: Wie in "Første Nattefrost" mittels Piano-Tupfern der klirrende Black Metal unter- oder besser gesagt: übermalt wird, dürfte Puristen bereits herausfordern, doch die epische Wendung nach fünf Minuten, das Gitarrensolo und der Ausklang des Songs lassen mich die Frage aufwerfen, ob nicht genau das – viel mehr! – PROG (Black) Metal ist als ein Großteil der so bezeichneten Musik?

Progressiv und kontrastreich war meine Musik schon immer und mein Eindruck ist, dass ich mit diesem Album vermutlich auch etwas mehr in die offizielle “Prog-Ecke” vorgedrungen bin. Allerdings kann ich dazu nicht allzu viel sagen, denn in der Regel ist mir Musik dieses Genres zu poliert und clean und sagt mir gesanglich nicht zu, so dass ich in diesem Bereich bis auf einzelne Stippvisiten nichts vorzuweisen habe.
Die Sache mit dem Purismus beschäftigt mich immer wieder, und auch wenn die Instrumentierung und gesangliche Vielfalt etwas Anderes vermuten lassen, denke ich, dass es mir gelungen ist, dem Werk einen ziemlich puristischen Charakter zu verleihen, in dem die einzelnen Elemente ihren Raum zur Entfaltung bekommen.

Jedenfalls meine ich auch bei GEGENENTWURF Deinen "signature sound" im Gitarrenspiel zu vernehmen, der mich hier und da an Skarntyde erinnert: Eine eigene, zuweilen leicht disharmonische Spielweise, die eine unheimliche Stimmung verströmt… Und zumindest mit dem das Mini-Album beschließenden Song "Während die Welt zerfällt" scheint es auch eine inhaltliche Nähe zu Skarntydes "Da jeg gråt ved jordens ruiner" zu geben, oder irre ich mich?

Nachdem ich nochmal in ‘Ord (for døve ører)’ von der letzte Skarntyde-EP hineingehört habe, denke ich, dass ich verstehe, was du mit einem “Signature-Sound” meinst. Mir selbst fällt das weniger auf, aber ich denke auch, dass es eine gewisse Richtung gibt, in die ich mich gerne bewege, auf der Suche nach Klang und Rhythmik, mit denen ich mich wohlfühle.
Was die inhaltliche Nähe angeht, sehe ich zumindest von der Intention her einen Unterschied. Während bei der Skarntyde-EP der Fokus auf der Zerstörung des Planeten liegt, liegt er bei ‘Høstens fargeglede’ insgesamt auf einer sehr positiven Wahrnehmung von Naturstimmungen. Das hat mir allerdings angesichts der politischen Weltlage große Bauchschmerzen bereitet, was mich zu dem Versuch bewogen hat, inhaltlich mit dem letzten Lied alles wieder ein Stück weit in einen realistischen Kontext zu setzen. So wunderschön für mich die Welt jenseits der Menschen ist, konnte ich doch mit reiner Naturromantik immer wenig bis nichts anfangen.

Das läuft bei mir anders: Am vergangenen Wochenende habe ich wie jedes Jahr an einem der schönsten Herbstwaldläufe im Bergischen Land teilgenommen und bin auch in den folgenden Tagen in den nahen Wald gestromert, um Farben und Stimmungen aufzusaugen und mich von den in der Tat Bauchschmerzen bereitenden politischen Ärgernissen ein bisschen "heilen" zu lassen. Ich wüsste nicht, wie ich ohne diese romantische Weltflucht ein gewisses Maß an Zuversicht behalten sollte. Gab es bei Dir im Süden mittlerweile den "Første Nattefrost"? Auf mich wirkt das Lied zumindest teilweise wie eine Weiterentwicklung harscher und progressiver Elemente, die kaum eine Band über Jahrzehnte hinweg so kontinuierlich verbunden hat wie Enslaved…

Der erste Nachtfrost hat lange auf sich warten lassen, inzwischen gab es aber eine und ein paar weitere, kältere Nächte und morgendlich von Reif bedeckte Wiesen.
Wenn es um Parallelen meiner Musik zu der Musik bekannterer Bands geht, kann ich dazu wenig Erwartbares sagen. Von wenig-fruchtbaren Hörempfehlungen abgesehen, habe ich zu ihnen keine persönliche Verbindung. In meiner Kindheit gab’s für mich so gut wie keine Konservenmusik, stattdessen einiges an Live-Musik, eher aus klassischem Bereich. Mein erster Ausbruch war ziemlich spät und orientierungslos über Pop-Musik zu Dancefloor und längere Zeit Techno, bevor ich dann zufällig durch einen Freund zu Metal und Black Metal gekommen bin, ohne jemals Rockmusik gehört zu haben. Da habe ich dann auch bald selbst das Musizieren begonnen.
Für mich essenzielle und maximal wertvolle Hörtipps kamen von Thomas Taube (damals Schlagzeuger von Odem Arcarum und erfreulicherweise ebenfalls immer noch musikalisch aktiv (hallo Thomas!), den ich gelegentlich auf Konzerten traf und mit dem ich mich immer sehr gerne über Musik ausgetauscht habe. So bin ich auf unterschiedliche Bands/Projekte um Carl Michael Eide (im Speziellen Ved Buens Ende, außerdem Virus und einiges mehr) aufmerksam geworden. Das ist Musik, die mich bis heute beeindruckt!

Das klingt nach sympathischer Gesellschaft! Mit Thomas habe ich auch erst vor einigen Wochen über Musik geschnackt, als ich ihn auf dem Prophecy Fest in der Balver Höhle traf, wo er den Bühnen-Sound für Gràb mischte. Du blickst also nicht auf eine herkömmliche metallische Sozialisation von Hard Rock bis Black Metal zurück, sondern hörst Musik noch eklektischer als die meisten von uns – das könnte erklären, warum Du Dich so wenig an musikalische Genre-Standards hältst, sondern eigene Zugänge entwickelst…?! Was hat Dich denn einst am – unkonventionellen – Black Metal fasziniert und warum hältst Du dem Stil nun bei aller eigenwilligen Entwicklung die Treue?

Prinzipiell hat diese von mir wahrgenommene Tiefe weder mit der Musikrichtung, noch mit der Instrumentierung zu tun. Vermutlich machen für mich ganz subjektiv wahrgenommene musikalische und klangliche Feinheiten in ihrer Gesamtheit einen großen Unterschied. Aus meiner Perspektive gibt es, wenn man so will, aus dieser Feder oder in diesem Strom nur sehr wenige Veröffentlichungen, und es fühlt sich ein bisschen an wie ein musikalisches Zuhause. Daher kann ich mir gut vorstellen, dass - bei allem Umherstreifen auf der Suche nach Neuem - auch immer wieder Berührungspunkte zu diesem "Alten" eine Rolle in meiner eigenen Musik spielen werden.

Wir, die wir die wilde Jugend bereits ein paar Jährchen hinter uns gelassen haben, tragen ja oft eine gewisse Wertschätzung für "alte Musik" in uns, was sich nicht zuletzt im Death- und Black-Metal-Anteil traditionaler Prägung im Mørkeskye spiegelt. Gleichzeitig freue ich mich über Bands wie Urisk, Sum Lights oder auch GEGENENTWURF, die frische eigene Akzente setzen. Hast Du bereits eine Vorstellung, wie es mit GEGENENTWURF weitergeht und was antwortest Du eigentlich auf die Frage, worauf – oder vielleicht eher: wogegen? – sich der Name Deines Projektes bezieht?

Der Gegenentwurf bezieht sich prinzipiell auf so gut wie alles. Ob es die Gewichtung individueller moralischer Einschätzungen auf dem Weg zu persönlichen Entscheidungen ist, die Zugänglichkeit von Bildung oder auch die Art der Bildung an sich, der Umgang mit unseren Mitmenschen, der Unterschied, den wir im Umgang mit Mitgeschöpfen machen, nur weil wir sie nicht persönlich kennen oder weil es keine Menschen sind, das Abwägen kurzfristiger wirtschaftlicher Aspekte gegen Fragen des Umweltschutzes, der Umgang mit ungelösten Problemen (z.B. Plastik in der Umwelt). Das könnte ich ewig fortführen. All das sind auch Themen, die ich potenziell in der Musik aufgreifen würde.
Für eine mögliche, neue Veröffentlichung habe ich eigentlich schon eine recht konkrete Idee, allerdings reicht meine Zeit leider nie und ich habe noch viel anderes zu erledigen. Insofern kann ich mich zu diesem Zeitpunkt nur selbst überraschen lassen. Auf jeden Fall ist mein musikalischer Schaffensdrang weiter groß und ich freue mich darauf, die nächsten Experimente anzugehen!

Danke Dir, Stefan, für den neuen Einblick in Dein Schaffen. Dann sind wir mal gespannt, wie Du Dich selbst und uns in einer Weile überraschst und freuen uns auf weitere Musik – Glück auf!

Thor Joakimsson (Info)
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